Uwe Jesiorkowski, Fotograf

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Das Verhältnis stimmt nicht mehr

#401, ganz unten im Ranking, was auch immer das ist.

Ich bin in Gelsenkirchen geboren, wohne aber nicht mehr hier. Wenn ich etwas von meiner Geburtsstadt höre oder lese, ist es fast immer etwas Schlechtes. Abwanderung, Gastronomiesterben, Überalterung. Corona bessert die Lage nicht. Zu viele Ausländer. „Das Verhältnis stimmt nicht mehr“, ein Zitat aus einem sehr interessanten Gespräch auf der Bahnhofstraße vor kurzem. Nun bin ich wegen eines Kunstprojektes gelegentlich am Gelsenkirchener Markt. Und mir war aufgefallen, wie lebendig es dort ist. Ich kenne den Markt abends nur als tote Fläche. Jetzt herrscht urbanes Leben bis in die späten Abendstunden.

Was ist schlechter geworden?

Ich treibe mich also ein bisschen da rum und habe den Eindruck, an einem multikulturellen Ort zu sein, an dem ich obendrein willkommen bin. Es gibt den Barbier, den Dönerladen, es gibt die Kneipe „Zum Platzhirsch“ und den gefürchteten „Traber“. Ich atme den Hauch Arabiens bei Misk, einem irakischen Laden, der Kaffee, Düfte, Kleidung und vieles mehr anbietet. Ich lerne nach dem achten arabischen Kaffee, dass es höflich ist, die Tasse schüttelt, anstatt mit Worten abzulehnen, wenn man keinen Kaffee mehr möchte. Bei Waheed treffe ich eine muslimische Frau, die unbedingt mit einem Blumenstrauss fotografiert werden will. Auf dem Marktplatz wiederum habe ich die Ehre, dass Muhammad und seine Kumpels eigens für mich akrobatische Performances geben. 

Ein derart konzentriertes buntes Gemisch verschiedener Kulturen ist mit Sicherheit nicht unproblematisch. Es gibt Spannungen.

Das hat mir Detlev Müller, der dort verschiedene Immobilien besitzt, bestätigt. Altes prallt auf Neues, Alteingessenes auf Hinzugekommenes. Detlev Müllers Geburtshaus ist voll von Geschichte. Es gibt viele historische Fotos und Grafiken an den Wänden. Und es gibt den Dachgarten mit Muschelfliesen, dessen Muscheln seine Eltern über Jahrzehnte auf Borkum gesammelt haben. Detlev Müller vermietet verschiedene Ladenlokale, darunter auch“ Misk“. Trotz teils schlechter Erfahrungen ist er bereit, auf andere zuzugehen und sich auseinanderzusetzen. Mir ist diese Haltung sympathisch. Orient und Okzident. Aus Vergangenheit wachsen Gegenwart und Zukunft.

Was ist das für ein Verhältnis, das nicht stimmt?

Ich glaube das Verhältnis, das nicht stimmt, ist das Verhältnis von Angst zu Neugier.

Was liegt hinter dem Fremden? Was erwartet mich hinter dem Vorhang? Die Skepsis überwiegt. Und sie verhindert, dass wir aufeinander zugehen.

Zu lesen auf https://isso-online.de/files/isso_ausgabe_60_september_2020_screen.pdf Seite 44

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